Grenzlandschaften sind mehr als nur Übergangsorte zwischen Territorien, sie sind Schauplätze verdichteter Geschichte, konflikthafter Erinnerung und kultureller Aushandlung. In dieser Lehrveranstaltung betrachten wir Grenzräume als sozial konstruierte Landschaften, in denen sich historische Brüche, politische Grenzziehungen und kollektives Gedächtnis niederschlagen. Die Veranstaltung verbindet Perspektiven aus Geografie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Architekturgeschichte und Kulturerbeforschung, um die symbolische und materielle Prägung von Räumen zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt auf dem alpenländischen Raum, insbesondere Südtirol und angrenzenden Gebieten, deren Geschichte durch Grenzverschiebungen, Autonomiebestrebungen, Kriege und EU-Integration geprägt ist. Dabei steht auch die Frage im Zentrum, wie Grenzorte heute erinnert, dargestellt oder auch übersehen werden – und welche gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen sich daraus ergeben. Diese interdisziplinäre Lehrveranstaltung richtet sich an alle interessierten Personen und vermittelt allgemeinwissenschaftliche Inhalte an der Schnittstelle von Geschichte, politischer Geografie, Soziologie und Kulturerbeforschung.
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18. 03. 2026 19.30—21.30, IT, UNIBZ, F0.01
Grenzen und Kontrollregime: Raum, Macht und Unterschiede neu denken
Anna Casaglia
Die künstliche und zufällige Natur von Grenzen und Grenzübergängen ist der rote Faden, der diesen Beitrag leiten wird. Wir werden über Mobilität, physische, administrative und symbolische Barrieren, Technologien und rassistische Profilerstellung sprechen und darüber, wie Grenzen für die Entstehung und Reproduktion von Ungleichheiten und Asymmetrien entscheidend geworden sind. Ziel ist es, die jüngste Radikalisierung der Praktiken der Mobilitätssteuerung kritisch zu analysieren, wobei der Schwerpunkt auf Abschiebungen und der Kriminalisierung von Migranten liegt.
Vortrag in italienischer Sprache.
CV
Prof. ass. Anna Casaglia
Anna Casaglia ist assoziierte Professorin für politische und wirtschaftliche Geografie an der Fakultät für Internationale Studien und am Institut für Soziologie und Sozialforschung der Universität Trient. Sie promovierte 2011 an der Universität Mailand-Bicocca in Urban and Local European Studies mit einer Dissertation über die geteilte Stadt Nikosia. Ihre Forschungsschwerpunkte sind kritische Grenzstudien, politische Geographie, Migration und Sicherheit, Klimamobilität und die Geopolitik von Grenzen. Sie arbeitet an der Schnittstelle von feministischen, dekolonialen und kritischen Ansätzen zu Grenzpraktiken, mit besonderem Augenmerk auf den Grenzregimen im Mittelmeerraum und in Europa. Sie war Präsidentin der Association for Borderland Studies (2023–2025) und ist Mitglied des Lenkungsausschusses der Kommission für politische Geografie der Internationalen Geografischen Union. Sie ist Mitglied des Redaktionskollektivs von ACME: An International Journal for Critical Geography und der Redaktion von Geopolitics. Ihre jüngsten Veröffentlichungen erscheinen in Zeitschriften wie Political Geography, Geoforum, Environment & Planning C, Geopolitics und Journal of Borderlands Studies. Sie ist Autorin von Nicosia Beyond Partition. Complex Geographies of the Divided City (2020). Sie unterrichtet politische und wirtschaftliche Geografie, Geografie der Sicherheit und kritische Geografie des Anthropozäns.
15. 04. 2026 19.30—21.30, DE, Bibliothek Tessmann
Über Grenzen? Von San Diego bis Triest! Zur Entstehung, Überwindung und Erforschung von Grenzlinien, Grenzräumen und Grenzlandschaften
Michael Falser
Wie entstehen Grenzen? Was passiert auf beiden Seiten von Grenzlinien? Welche kulturellen und künstlerischen Praktiken entstehen in Grenzräumen, und welche technischen Regime stabilisieren weiträumige Grenzlandschaften bzw. helfen sie miteinander zu verbinden? Und wie können wir diese ambivalenten Formationen aus historischer Sicht verstehen und aus zeitgenössischer Perspektive bewerten? Dieser Vortrag beleuchtet diese Fragen aus einer interdisziplinären Herangehensweise, die Aspekte der Kunst- und Architekturgeschichte, der Infrastrukturforschung und den Cultural Heritage Studies mit einbezieht. Dabei führt die Reise zuerst in den kuriosen Chicano Park im südkalifornischen San Diego/USA, wo eine mexikanisch-amerikanische Arbeitergemeinde Ausgrenzungs-Politik mit monumentalen Graffiti-Kunstwerken begegnet. Das zweite Fallbeispiel führt zurück in das historische Europa und beleuchtet, wie die Eisenbahn als (binnen)koloniales Leitmedium des 19. Jahrhunderts von Wien als Zentrum dabei half die Kulturräume der späten Habsburgermonarchie bis an ihre Grenzen – und damit von Lemberg bis Bozen und Trient, bzw. von Reichenberg bis Triest und Sarajevo – zu vernetzen.
CV
PD Dr.-Ing. Mag. Michael Falser
Der Architektur- und Kunsthistoriker studierte in Wien und Paris und promovierte an der TU Berlin zur politischen Geschichte der Denkmalpflege. Nach einer Tätigkeit als Denkmalpflege-Architekt in den USA war er wissenschaftlicher Assistent an der LMU München und der ETH Zürich. Als Projektleiter für Global Art History und Cultural Heritage Studies im Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“ an der Universität Heidelberg habilitierte er sich 2014. Es folgten Gastprofessuren in Kyoto, Heidelberg, Wien, Bordeaux, Paris-Sorbonne und Ottawa sowie von 2020 bis 2024 ein DFG-Heisenberg-Fellowship an der TU München mit einem Forschungsprojekt zur deutsch-kolonialen Architektur in Afrika, Asien und Ozeanien. Derzeit ist er Privatdozent am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg sowie freiberuflich als Gutachter und Kurator in Wien tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der globalen Kunst- und Architekturgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts, den Cultural Heritage Studies, der Denkmalpflege und dem UNESCO-Weltkulturerbe Zu seinen jüngsten Publikationen zählen Monuments and Sites De-colonial! Approaches to the Built Heritage of the German Colonial Era. Berlin 2024; Habsburgs going global. The Austro-Hungarian Concession in Tientsin/Tianjin in China (1902-1917). Wien 2022 und Angkor Wat – A Transcultural History of Heritage. Berlin 2020.
06. 05. 2026 18.00—20.00, IT, UNIBZ, F0.01
Triest und die nordöstliche Grenze: neue Mobilität, Identität und Erinnerungspolitik
Claudio Minca
Triest und die nordöstliche Grenze waren lange Zeit ein symbolträchtiger Ort für die Geopolitik unseres Landes. Seit einigen Jahren ist Triest auch einer der wichtigsten Ankunftsorte der sogenannten Balkanroute für Migranten. Dies hatte Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Grenze zu Slowenien verwaltet und wahrgenommen wurde. Die Ankunft Tausender informeller Migranten pro Jahr in Italien über die Waldwege, die die Stadt umgeben, rechtfertigte die vorübergehende Aussetzung der Schengen-Abkommen durch die italienische Regierung und machte die Mechanismen deutlich, die der unterschiedlichen Mobilität der verschiedenen Personen zugrunde liegen, die formell oder informell in das Land einreisen. In diesem Vortrag werden die politischen Geografien analysiert, die diese unterschiedlichen Mobilitäten geprägt und die Rolle und das Image dieser Grenze erheblich neu definiert haben.
Vortrag in italienischer Sprache.
CV
Prof. Claudio Minca
Claudio Minca è professore ordinario di Geografia presso l'Università di Bologna. Prima di ricoprire questo ruolo, ha insegnato in diversi contesti internazionali, tra cui le università di Newcastle e Londra, nel Regno Unito, la Wageningen University nei Paesi Bassi e la Macquarie University in Australia. I suoi principali interessi di ricerca riguardano il rapporto tra teoria spaziale, biopolitica e modernità. Più di recente, si è dedicato all’analisi delle geografie politiche dei campi profughi. Tra le sue opere più recenti figurano Thinking like a Route (2026, con Y. Weima) e A Spatial Theory of the Camp (2025, con R. Carter-White). Ha recentemente vinto un ERC Advanced Grant per un progetto intitolato "The GAME: Counter-mapping informal refugee mobilities along the Balkan Route”.
Exkursion: Grenzlandschaften: Erinnerung, Identität und die „unsichtbare Grenze“ zwischen Tret und St. Felix
Prof. Ingrid Kofler
Im Rahmen des Studium Generale der unibz „Grenzlandschaften. Erinnerung, Identität und aktuelle Grenzfragen“ führt diese Exkursion an einen besonderen Ort: die sogenannte „unsichtbare Grenze“ zwischen Tret (Trentino) und St. Felix (Südtirol).
Diese Grenze ist nicht als physische Barriere sichtbar, sondern manifestiert sich historisch, sprachlich, kulturell und administrativ im Alltag der Bevölkerung. Sie verweist auf jene „hidden frontiers“, die John W. Cole und Eric R. Wolf in ihrer Studie zur Grenzregion beschrieben haben: unsichtbare soziale, kulturelle und ökonomische Trennlinien innerhalb eines vermeintlich homogenen alpinen Raumes. Auch neuere Ansätze verstehen Grenzen nicht nur als staatliche Linien, sondern als vielschichtige, historisch gewachsene Geflechte aus Macht, Identität und Alltagspraxis.
Die Exkursion verbindet historische, kulturwissenschaftliche und landschaftliche Perspektiven:
Ausgangspunkt ist der Gampenbunker als materielles Zeugnis territorialer Sicherung während des Faschismus. Entlang des Pilgerwegs nach Unsere Liebe Frau im Walde werden Fragen von Erinnerung, religiöser Praxis und Raumaneignung thematisiert. Im Anschluss führt eine Wanderung entlang der „unsichtbaren Grenze“ zwischen St. Felix und Tret in jene Landschaft, in der Sprach- und Verwaltungsgrenzen bis heute soziale Ordnungen strukturieren.
Organisation:
- Treffpunkt: Gampenpass um 9/9:10 (Bus 246 Abfahrt Meran 8:10 Uhr) (Anreise individuell mit Bus oder PKW)
- 12:00 Uhr Mittagessen im Restaurant Cervo – Historisches Gasthaus zum Hirschen
- 13:00 Uhr Wanderung von Unsere liebe Frau im Walde nach St. Felix und Tret (ca. 2 Stunden)
- Rückfahrt mit Bus von Tret (Bus 246 um 15:43 Uhr)
Die Kosten für Transport, Eintritt, Führung und Mittagessen sind von den Teilnehmenden selbst zu tragen. Fixe Kosten 10€ pro Person für Eintritt und Führung.
Die Exkursion erfordert festes Schuhwerk; für die Bunkerführung wird warme Kleidung empfohlen.
Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Bitte schreiben Sie diesbezüglich an die E-Mail-Adresse: plattform.kulturerbe@unibz.it
Exkursion: Reschen
Dr. Waltraud Kofler-Engl
Im Rahmen des Studium Generale der unibz „Grenzlandschaften. Erinnerung, Identität und aktuelle Grenzfragen“ führt diese Exkursion auf den Reschen.
Beschreibung und genauer Ablauf folgen.
Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Bitte schreiben Sie diesbezüglich an die E-Mail-Adresse: plattform.kulturerbe@unibz.it