06 Jun 2026
DE, 11.00-17.00

Exkursion: Grenzlandschaft Reschen

Exkursion: Grenzlandschaft Reschen

Dr. Waltraud Kofler-Engl

Der Reschenpass ist mit dem Brennerpass einer der wichtigsten historischen Alpenübergänge. Er war Teil der römischen Straße Claudia Augusta und ist Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer. Diese geographische Barriere wurde jedoch erst mit der Annexion Südtirols durch Italien im Jahr 1919 zur Staatsgrenze und nach der Machtergreifung des Faschismus zu einer politischen, ideologischen und militarisierten Grenzlandschaft.

Davon zeugen bis heute zahlreiche bauliche Spuren in der Landschaft. Bauten wie das Ossarium (Mausoleum für die italienischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges) an der Straße von Mals nach Graun sowie militärische Infrastrukturen als Teil des Vallo Alpino – darunter Kasernen, Militärstraßen, Panzerabwehrsperren und Bunker – nahmen die Grenzlandschaft des obersten Vinschgaus ideologisch und militärisch in Besitz. Einer der Bunker überbaute die Etschquelle und demonstrierte damit auch symbolisch die Eroberung und Kontrolle der Wasserscheide.

Neben der militärischen und ideologischen Inbesitznahme spielte auch die wirtschaftliche Nutzung eine entscheidende Rolle. Die bereits 1939 geplante staatliche Nutzung der vorhandenen Wasserressourcen zur Stromerzeugung, die 1950 für eines der leistungsstärksten Kavernenkraftwerke der Region zur Zwangsumsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner sowie zur Flutung der historischen Ortskerne von Altgraun und Reschen führte, zeigt die folgenschwere ökonomische Beanspruchung. Aus dem Stausee ragt bis heute der Kirchturm von Alt-Graun – ein weithin sichtbares Mahnmal für diesen tiefgreifenden Eingriff.

Mit der Aufhebung der Grenzkontrollen an den europäischen Binnengrenzen hat sich die Bedeutung der Region in den letzten Jahrzehnten erneut verändert. Die traditionellen Verkehrsverbindungen nach Nordtirol und in die Schweiz begünstigen heute einen intensiven wirtschaftlichen, touristischen und kulturellen Austausch über die Grenzen hinweg.

Die Exkursion im Rahmen des Studium Generale „Grenzlandschaften. Erinnerung, Identität und aktuelle Grenzfragen“ führt zu materiellen Zeugnissen in der Landschaft und thematisiert Fragen der sichtbaren und unsichtbaren symbolischen, militärischen und ökonomischen Inbesitznahme einer exemplarischen Grenzlandschaft.

Details zum Treffpunkt, zum Ablauf der Exkursion sowie zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln werden noch bekannt gegeben.

Für die Exkursion sind feste Wanderschuhe und warme Kleidung erforderlich.
Vorherige Anmeldung erforderlich: kulturerbe@unibz.it

 

 

Panzersperre am Reschenpass © Waltraud Kofler Engl
Panzersperre am Reschenpass © Waltraud Kofler Engl