Seminarreihe

Kulturen von Bergvölkern in vergleichender Perspektive

15.07.2021

Exkursion auf dem Drei-Zinnen-Plateau

Die Exkursion fand im Rahmen des Forschungsprojekts „In die Landschaft eingeschrieben. Orte, Spuren und Erinnerungen. Der Erste Weltkrieg in den Sextner Dolomiten“ (WiL), anlässlich des Beginns der Arbeiten zur Erfassung und Dokumentation der Spuren im Projektgebiet statt. Um die Vermessung in den Sommermonaten planen zu können führten der Konfliktarchäologe Rupert Gietl (Arc-Team) und der Forscher Gianluca Fondriest, begleitet von der Projektleiterin Waltraud Kofler Engl und dem Team der Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion eine Begehung des Drei-Zinnen Plateaus für eine erste Sichtung und Quantifizierung der verbliebenen Spuren militärischer Ansiedlungen und Infrastrukturen durch. Schützengräben und Stellungen, in den Fels gehauene Tunnelsysteme, Relikte von Unterkunftsbarracken, eines Seilbahnstützpunktes sowie eines Friedhofs, des Soldatenalltags und der Kampfhandlungen konnten gesichtet werden.

Für die 3D-Dokumentation der baulichen Strukturen wird eine fotografische Methodik verwendet, die auf den Techniken SfM (Structure from Motion) und MVS (Multiple View Stereovision) basiert. Die Daten werden in mehreren Vermessungen mit Hilfe von Differential-GPS (Global Positioning System) und Stationen zur Erfassung von Geolokalisierungsinformationen erfasst. Das Datenmanagement wird über GIS-Anwendungen erfolgen, während mehrere Open-Data-Kartografien helfen, Basiskarten für das Projekt zu entwickeln.

Eine komplexe, von der Zeit gezeichnete Landschaft, in der die Überschichtungen von Natur, Kultur und tragischen Ereignissen von einem endlosen Prozess des Auslöschens und Überschreibens erzählen. Während an einigen Orten die Spuren der Kriegseinsätze von den Naturelementen absorbiert wurden, sind sie an anderen als reale, die Landschaft strukturierende Elemente vorhanden. Mit schmerzhaften und traumatischen Erinnerungen aufgeladen gehören sie zu unserer Wahrnehmung der Landschaft.

Eine der Herausforderung des Forschungsprojekts besteht darin, diese Spuren lesbar und aussagekräftig zu machen, die Arbeit der historischen Analyse und der archäologischen Dokumentation mit der soziokulturellen Erinnerungsarbeit und der partizipativen „Patrimonialisierung“  zusammenzuführen um eine neue Erzählung zu konstruieren, die einem zeitgenössischen Betrachter die Schichtungen und Erinnerungsdimensionen des Krieges in dieser ikonischen Landschaft mit berühmten Gipfeln der Dolomiten vermittelt.

26.6.2021

„Bewusstsein und Respekt für den Ort, seine Menschen, ihre Geschichte und Erinnerungen vermitteln“

Bericht zur Vorstellung des Forschungsprojekts „In die Landschaft eingeschrieben“ im Haus Sexten 26.06.2021 vom Dr. Thomas Benedikter

Bildnachweis: Christian Tschurtschthaler

Eine beträchtliche Zahl von Interessierten konnte Bürgermeister Thomas Summerer bei der Vorstellung des Projekts „In die Landschaft eingeschrieben. Orte, Spuren und Erinnerungen. Der Erste Weltkrieg in den Sextner Dolomiten“ am vergangenen Samstag, 26. Juni im Haus Sexten begrüßen. Zum Auftakt erzählt Rudolf Holzer, der allbekannte Sextner Dorfchronist, anhand seiner Bildern von den Kriegsereignissen 1915 bis 1918 und der Evakuierung von Sexten.

Der Dolomitenkrieg und seine Folgen seien zwar historisch gut erforscht, betonte Projektleiterin Dr. Waltraud Kofler Engl, aber die Relikte des Gebirgskriegs in den Sextner Dolomiten werden, so wie an anderen Gebirgsfronten, allmählich aber sicher aus der Landschaft verschwinden, müssten erfasst und dokumentiert werden. Die Front, die Zerstörung, Evakuierung und der Wiederaufbau von Sexten haben sich als traumatische Ereignisse nicht nur in die Landschaft, sondern auch in den Ort und ins kollektive und individuelle Gedächtnis der Sextner*innen eingeschrieben. Dies gelte es im Projekt zu erforschen und zu vermitteln. In der Zusammenschau von Quellen in lokalen und nationalen Archiven mit Relikten in der Landschaft und den Zeugnissen im Ort sowie bei partizipativer Beteiligung der Bevölkerung sollen nicht allein bisher unbekannte Aspekte der Kriegszeit, sondern auch die Erinnerungskulturen und das Geschichtsverständnis der Bewohner erfasst werden. Der Austausch mit den Nachbargemeinden im Comelico wird ebenfalls gesucht.

Wie Prof. Stefan Schmidt-Wulffen (unibz) ergänzte, sollen künstlerische Auseinandersetzung sowohl Einheimischen wie Besuchern einen neuen Zugang zum Thema verschaffen.

Geplant sind eine Ausstellung, eine Webseite, eine Fachtagung und Publikation. Geleitet wird das Projekt von der Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion der Fakultät für Design und Künste der Universität Bozen in Zusammenarbeit mit dem Verein „Bellum Aquilarum“, dem Tourismusverein Sexten, der „Österreichischen Gesellschaft für Festungsforschung“, dem Ethnologischem Verein Südtirol (EVVA), dem Kriegsmuseum Rovereto. Die Finanzierung kommt aus dem Forschungsfond Research Südtirol/Alto Adige.

Prof. Susanne Elsen von der Fakultät für Bildungswissenschaften (unibz), unterstrich, dass nicht nur das Kriegsgeschehen an der Front, sondern auch das Schicksal der Zivilbevölkerung, der Frauen und Kinder verstärkt in den Blickpunkt gerückt werden müssen. Zusammen mit dem Sozialwissenschaftler Dr. Thomas Benedikter lud sie die Teilnehmenden ein, aktiv zur „erzählten Geschichte“ ihrer Vorfahren beizutragen und sich mit eigenen Wahrnehmungen zu beteiligen. Die Historikerin Dr. Sigrid Wisthaler und Direktorin des Vereins „Bellum Aquilarum“, moderierte die Veranstaltung und stellte den Einsatz des seit 2005 für die Bewahrung und Vermittlung der Kriegsereignisse äußerst aktiven Vereins vor.

„Kulturtourismus sollte Bewusstsein und Respekt für den Ort, seine Menschen und seine Geschichte vermitteln,“ betonte die Vizepräsidentin des Tourismusvereins Judith Rainer, „Es ist wichtig, dass die Gäste erfahren, was sich hier im 20. Jahrhundert abgespielt hat und ihnen verständlich zu machen, warum wir Sextner so sind, wie wir sind.“

Konfliktarchäologe Dr. Rupert Gietl vom Arc-Team stellte mit einem Video die neuesten Methoden zur Feldforschung in schwierigem Gebirgsgelände vor, mit denen im Sommer die materiellen Spuren und militärischen Anlagen im Drei Zinnen-Gebiet eingriffsfrei erfasst werden sollen.

„Wir können uns die damalige verzweifelte Lage unserer Vorfahren gar nicht mehr vorstellen,“ führte zum Abschluss die junge Kulturreferentin Judith Villgrater aus, „Wo vor 100 Jahren Soldaten gekämpft haben, verbringen wir heute unsere Freizeit.“ Es sei nicht nur wichtig, sondern auch spannend und berührend, mehr über die Lebensbedingungen der Urgroßeltern und Großeltern von damals zu erfahren, über die Geschichte der näheren Heimat Bescheid zu wissen und diese besonders der jüngeren Generationen zu vermitteln.“

Mai-Dezember 2021

Seminarreihe

Kulturen von Bergvölkern in vergleichender Perspektive

Online*: Mai-Juli 2021

In Anwesenheit**: September-Dezember 2021

Die Seminarreihe ist von derFakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen (unibz) und dem MFEA-The Malinowski Forum for Ethnography and Anthropology (unibz) in Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Verein Südtirol (EVAA) und dem Museo degli Usi e Costumi della Gente Trentina, mit dem Beitrag der Stiftung Südtiroler Sparkasse organisiert.

Die Seminartreffen erforschen die Möglichkeit die soziokulturellen Erfahrungen von Bewohnern in verschiedenen Berggebieten, sowohl aus dem Alpenraum als auch aus außereuropäischen Regionen, miteinander zu verbinden. Die eingeladenen Referenten werden ihre Forschungen zu anthropologischen, historischen und geografischen Aspekten der verschiedenen Kulturen von Bergvölkern vorstellen und diskutieren, wobei sie über den Wert einer möglichen vergleichenden Perspektive nachdenken und mit dem Publikum erörtern.

*Die Online-Seminare finden auf Zoom statt, der Zugangslink wird in den Informationen (INFO) zu den einzelnen Seminaren auf der Programmseite angegeben.

**Die Präsenzseminare finden an der Fakultät für Bildungswissenschaften, Brixen, oder andere Seiten, die in den Informationen (INFO) auf der Programmseite der Website angegeben sind, statt.

7.2.2021

Rafique Wassan, der seine Forschung im Rahmen eines Vortrages im Dezember 2020 an der Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion vorgestellt hat, veröffentlichte vor Kurzem den BeitragCafé Saqafat – Sufi music heritage in the times of the Coronavirus pandemic im blog der Universität Utrecht “Religious Matters in an Entangled World”.

12.1.2021

Runder Tisch zum Thema Transformation von Klöstern

Dr. Kofler Engl, die Direktorin der Plattform, war ein Teilnehmer an einem virtuellen Runden Tisch zum Thema Transformation von Klöstern, der unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) stattfand. Der Runde Tisch fand im Rahmen des Programms Region gestalten statt und wurde vom Verein Zukunft Kulturraum Kloster organisiert. Zu den eingeladenen Teilnehmern gehörten Vertreter des BMI, des Ordens der Päpstlichen Rechte, der Deutschen Ordensobernkonferenz, des BBSR, sowie Experten aus den Bereichen Brandschutz, Denkmalpflege und Stiftungswesen. Es gab eine Austausch über Herausforderungen und Lösungen bei der Transformation von Klöstern.

Einen Bericht über das Treffen finden Sie hier.

16.12.2020

Vortrag mit Privatdozent PD Dr.-Ing. Mag. Michael Falser

Privatdozent PD Dr. Michael Falser hielt einen öffentlichen Online-Vortrag an der Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion, und referierte Erkenntnisse seiner aktuellen Arbeit zum Konzept des kulturellen Erbes und seiner Transkulturalität. Am Beispiel der kambodschanischen Tempelanlage Angkor Wat untersuchte Dr. Falser wie Kulturerbe als Teil von kolonialen, postkolonial-nationalistischen und globalen Diskursen verstanden werden muss. Mit Blick auf die vielfältigen Leben von Angkor Wat im 150-jährigen Zeitraum von den 1860er bis in die 2010er Jahre, erläuterte Dr. Falser die transkulturelle Geschichte des Tempels am Schnittpunkt europäischer und asiatischer Projekte anhand von Bilder aus seiner kürzlich erschienenen Monographie (De Gruyter 2020), die historische Fotografien, Pläne und Zitate aus öffentlichen Medien enthält. Unibz-Nutzer haben Zugang zur elektronischen Version des Buches.

Im Folgenden finden Sie einige der von Michael Falser entwickelten analytischen Konzepte, die für Nachdenken und Verständnis der Transkulturalität von kulturellem Erbe wichtig sind.

Sie können zudem die Beiträge von Michael Falser und Monica Juneja „Kulturerbe – Denkmalpflege: transkulturell. Eine Einleitung“ sowie von Michael Falser „Transkulturelle Übersetzung von Architektur: Gipsabgüsse von Angkor Wat für Paris und Berlin“, die im Sammelband Kulturerbe und Denkmalpflege transkulturell: Grenzgänge zwischen Theorie und Praxis (Bielefeld: transcript Verlag 2013). (Bielefeld: transcript Verlag 2013)“ erschienen sind, einsehen. 

27.9.2020

In die Landschaft eingeschrieben. Orte, Spuren, Erinnerungen. Der Erste Weltkrieg in den Sextener Dolomiten

Im Rahmen, der vom Ministerium für Kulturgüter und kulturelle Aktivitäten (MiBACT) ausgerufenen “Tage des Europäischen Kulturerbes 2020” organisierte die Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion am Sonntag den 27. September 2020 eine Wanderung zu Orten und Spuren des Ersten Weltkrieges in den Sextner Dolomiten. Die Initiative war Teil des Forschungsprojektes „In die Landschaft eingeschrieben. Orte, Spuren, Erinnerungen. Der Erste Weltkrieg in den Sextener Dolomiten“ (WIL).

Wie Bellum Aquilarum beschreibt war für die österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen die Rote Wand als Beobachtungspunkt der feindlichen Stellungen des Comelico sowie als außerordentlich starke Verteidigungsbastion für das Sexten-Tal äußerst wichtig.

Die Kulturwanderung wurde vom Konfliktarchäologen Rupert Gietl, von der Direktorin des Vereins Bellum Aquilarum Sexten und Historikerin Sigrid Wisthaler, dem Vicepräsident des Vereins Pietro Michieli und von Waltraud Kofler Engl, Direktorin der Plattform Kulturerbe und Kulturproduktion der Freie Universität Bozen und Leiterin des Forschungsprojektes begleitet. Sie fand eine breite Teilnahme, darunter von mehreren Dozenten der Freie Universität Bozen.

Die Route begann bei der Talstation der Umlaufbahn Rotwand Sexten, wo die Besucher nach Begrüßung und Einführung durch Waltraud Kofler Engl in drei Gruppen geteilt wurden und mit der Bahn die Rotwandwiesen erreichten. Von dort führte der Weg zu verschiedenen Stationen des Freilichtmuseums Erster Weltkrieg und folgte den Spuren und Erinnerungen des Konflikts. Eine Begehung der Kriegslandschaft mit materiellen Relikten und Spuren von Stellungen, Baracken, Seilbahnen, Schützengräben und Kavernen, die in den Felsen und an den Wegen einer der faszinierendsten Gebirgslandschaften Europas kaum noch zu erkennen sind aber bei den Teilnehmern Emotionen weckten. Historische Erinnerungen, persönliche Lebens- und Alltagsgeschichten der Soldaten und der Bevölkerung im Tal wurden referiert und verflochten sich im Gebiet der Anderter Alpe, der Rotwand, der Drei Zinnen und des Einserkofels mit den tragischen Ereignissen des Ersten Weltkrieges und der sich laufend verändernden Dolomitenlandschaft.

Das kontroverse und dissonante Erbe des Ersten Krieges wurde im Sinne der, 2005 vom Europarat verabschiedeten und von der Plattform für Kulturerbe und Kulturproduktion geteilten Richtlinien der Faro-Konvention durch kritische Aneignung zu einer gemeinsamen Bildungserfahrung.

Am Ende der Wanderung wurden die Teilnehmer vom Sextner Bürgermeister Thomas Summerer begrüßt, der sich bei den Organisatoren für die Initiative zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Kriegslandschaft der Sextner -Dolomiten bedankte.

Wir danken dem Verein Bellum Aquilarum und Rupert Gietl für die engagierte Begleitung, das der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellte Fachwissen und die jahrelangeErforschung, Dokumentation, Erhaltung und Vermittlung der Relikte der Dolomitenfront des Ersten Weltkriegs in Sexten; Zeugnisse eines tragischen Konflikts, die sich in die Landschaft eingeschrieben haben.

Ein Dank geht zudem an alle, die an der Initiative begeistert teilgenommen haben. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen bei weiteren Veranstaltungen.

Diese Veranstaltung wird im Rahmen des neuen Forschungsprojekts der Plattform In die Landschaft eingeschrieben. Orte, Spuren, Erinnerungen. Der Erste Weltkrieg in den Sextener Dolomiten organisiert.